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FOGBLOG January 2007

Nov.06Dec.06Jan.07Feb.07Mar.07Apr.07May.07Jun.07Jul.07Aug.07Sep.07Dec.07Feb.08May.08

(:blogentry title="nebel bei bach" time="2007-01-19 19:27":) Gespräch mit dem Bachexperten Karl Kaiser über mathematische Strukturen in der Fugenkomposition. Lassen sich solche Werke mit prozedural generierten Mustern visualisieren, in welchem Verhältnis steht diese Bilder zu den avantgardistischen Versuchen von Len Lye usv.

(:youtube wMujUOJ0_Wc:)

(:blogentryend:)

(:blogentry title="clifford beer" time="2007-01-16 13:21":) Ein interessantes Projekt zum Thema Kybernetik und Gesellschaft hat Claus Pias ausgegraben. Nach dem Machtsturz von Pinochet 1971 soll eine Feedback-Steuerung die sozialistische Wirtschaft Chiles unter Salvador Allende regeln. Der Kybernetiker Stafford Beer macht Vorschläge und lässt einen obskuren Kommandoraum errichten, in dem die Fäden zusammenlaufen. Dieser Opsroom orientiert sich offensichtlich an den Entwürfen der 2001 SPACE ODYSSEE von Stanley Kubrick. Nach zwei Jahren war das System am Ende und Stafford Beer geht wie Ted Kaczynski in den Wald:

"Das Ende war militärisch und nicht autopoietisch, war hierarchisch und nicht kybernetisch. Stafford Beer verzichtete 1974 auf materiellen Besitz und lebte ein Jahrzehnt lang als Eremit in einer steinernen Hütte in Mid-Wales."

Stafford Beer ging davon aus, dass sein Konzept als »Gekräusel von Wellen in den Strömungen anderer Grundentscheidungen« in die Geschichte eingehen wird.

(:blogentryend:)

(:blogentry title="heiner müller und web 2.0" time="2007-01-16 10:28":) Inszenierung und Strategie. Die von Heiner Müller bestand darin, sich als privilegierter Oppositioneller in der DDR gedanklich permanent einzunebeln.

(:quicktime Attach:mueller.mov Δ width=500 height=250 loop=true controller=false:)

Das Bild wurde nicht zufällig aufgegriffen von den emergenten Web Zweinullern, die Ihre Schwarmalgorithmen für NIKE überhöht in Szene setzen. Verkauft wird das dann unter dem Label MOTIONTHEORY

"The result was complex yet delicate and tasteful swarm of diagrams and math floating around the heads of thinkers - interacting with the physical, emotional, and narrative surroundings."

(:blogentryend:)

(:blogentry title="TRAUMTEXT" time="2007-01-11 17:46":)

Müller im Nebel, Photografie von Andres Schoelzel 1994

Heiner Müller, Auszug TRAUMTEXT 1995

Dazu Klaus Theweleit:

"Nichts als Himmel oben, Beton zur Seite und Wasser unten. Und dann senkt sich auch noch ein Nebel in den Kessel, eine Nebelwand, die auch den Himmel seiner Sicht entzieht. Mit dieser Sichtbeschränkung muss er seine Kreise ziehen. (...)
Dann aber zerreisst die Nebelwand pötzlich, wie wenn ein Prinzip einer einsetzenden Trance aus den fortgesetzten Rundgängen zwar nicht die Sicht freigegeben hätte, aber den Blick aus diesem Kessel, frei auf ein Hochhaus."

Zu dem Text kommt mir ein Bild in den Sinn, eine frühe Fotografie von Timothy O`Sullivan, hundert Jahre vor Robert Smithson und Gordon Matta-Clark:

Fissure Vent, 1867

1996 gab es auch noch einen Aufenthalt Müllers in der Villa Aurora am Pazifik, bei dem folgende Notiz entstand:

Villa Aurora Die Bäume verneigen sich.
Vor dem Wind vom Pazifik der Bescheid weiß.
Über die Dauer der Millionenstadt
Waiting for doomsday unconcious -
Of its fate rising from past + Asia.

(:blogentryend:)

(:blogentry title="nebel/vr" time="2007-01-07 11:23":) Das Aufkommen von Nebel in der Natur verändert nicht nur die Wahrnehmung der äusseren Welt, sondern auch das eigene Körperempfinden. Das Körpergefühl in einer Nebellandschaft ist ähnlich dem in virtuellen Umgebungen. In beiden Fällen spricht man von Immersion, also vom Eintauchen in ein Medium, in dargestellte Bildwelten oder in elektronisch generierte Räume. Der Umgebungsraum ist dabei weitgehend entmaterialisiert, die Bodenhaftung ändert sich. Beide Erfahrungen haben etwas Träumerisches.

Derrick de Kerckhove notiert dazu: "Nicht der räumliche, sondern der virtuelle Charakter des Cyberspace macht ihn dem mentalen Raum verwandt". Auf dieser Wellenlänge beschreibt auch Lambert Wiesing die virtuelle Realität als eine "Angleichung des Bildes an die Imagination". Ähnliches kann man vom Nebel behaupten. Dieser gibt, je nach Dichte und Sichtweise, den Blick auf innere Bilder frei, weil der Betrachter spekulieren muss. Unschärfe als Stilmittel in der Bildgeschichte, vom Dunst und der Verblauung in der Romantik bis hin zu Gerhard Richter.

Gerhard Richter, 18. Oktober 1977

(:quicktime Attach:record.wav Δ loop=true width=500 height=30 autostart=no:)

Auch in aktuelle Werbeprosekte zog, verstärkt noch durch die verbreiteten Bildalgorithmen wie Motion- und Average Blur, das unscharfe Bild längst ein. "Warum können Bilder Bilder populär sein, auf denen kaum etwas zu erkennen ist." fragt Wolfgang Ullrich. Pressebilder spielen täglich ganz selbstverstädnlich mit dem fingierten Wechselspiel von Unschärfe und Authentizität, wie man dieser Tage wieder bei der Hinrichtung Saddam Husseins in der BILD-Zeitung wieder sehen musste.

"ALLE MACHT DEN APPARATEN" - Hinrichtung auf dem Handy" titelt Hans Leyendecker dazu in der SZ. Gegen die amerikanische Virtualisierungseuphorie argumentiert Heiner Müller:

"Durch die Mechanisierung und Technologisierung der Sinnlichkeit werden die Menschen dermaßen von ihrer Erfahrung getrennt, daß sie in die Funktionale rutschen."

Und Bazon Brock warnt zurecht vor der Selbstreferentialität von "technischen Sachlogiken".

(:blogentryend:)

(:blogentry title="rückenfiguren" time="2007-01-05 12:20":)

Wenn Nebel und virtuellen Welten tatsächlich etwas gemeinsam ist, lohnt sich die Beschäftigung mit dem Auftauchen von Nebel in Filmen, Träumen, ganz allgemein in künstlerischen Arbeiten.

Daniel Fetzner, Rückenwind mit Nebel 1994

Die Beschäftigung mit dem Nebel, Klischeemotiv der Romantik, beginne ich sehr europäisch bei den Rückenfiguren von Caspar David Friedrich. Ein hervorragender Text findet sich hierzu bei dem Nationalökonom Adam Müller über Landschaftsmalerei aus dem Jahr 1808. In Anbetracht von der Mönch am Meer (1810) notiert Heinrich v. Kleist:

"Das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nämlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild tat; und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Düne, das aber, wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See fehlte ganz."

Und Fichte schreibt 1800 in seiner Bestimmung des Menschen, achtzehn Jahre vor dem Wanderer über dem Nebelmeer:

"Es gibt kein anderes Ding, als das, dessen du dir bewusst wirst. Du selbst bist dieses Ding [...] und alles, was du ausser dir erblickst, bist immer du selbst. Und das Objektive, das Angeschaute und Bewusste, bin abermals ich selbst, dasselbe Ich, welches auch das anschauende ist [...] ein tätiges Hinschauen dessen, was ich anschaue."

Caspar David Friedrich, Wanderer über dem Nebelmeer 1812

Die Reise geht dann Ende Februar in das Westküstenamerika der kybernetischen Post-Hippiekultur. Im Flow von Social Software und Second Life wird es andere Konnotationen und Lesarten des flüchtigen Naturphänomens geben. Gespannt bin ich auf Verkaufsprospekte von Immobilienmaklern in sicheren Nebelgebieten oder auf die Arbeit an Nebel-Algorithmen bei Industrial Light and Magic.

Doug Aitken, Videoinstallation

(:blogentryend:)

(:blogentry title="photos" time="2007-01-04 15:15":)

Es gibt doch Photos von dem Aufenthalt in San Francisco 1969. Frau Walther-Bense schickte mir heute einige Aufnahmen - sehen aus wie gemalt.

Ich vermute, dass für den Kybernetiker Bense der Aufzug von Nebel als plötzlicher Einbruch des Irrationalen, des UNBERECHENBAREN erschien. Erst den Bus verpasst, die Entfernung unterschätzt und dann der plötzliche Aufzug der unheimlichen Nebelwand in schwindelerregender Höhe über dem kalten Pazifik.

"Die Welt in ihren verschiedenen Aspekten wird immer mehr als diskret und nicht als stetig gesehen. (...) Der Gedanke, der uns bis gestern als etwas Flüssiges erschien, rief in uns lineare Bilder wach - wie einen strömenden Fluß (...) oder gasförmige Bilder wie eine Art Wolke (...)."
Italo Calvino Kybernetik und Gespenster, 1980

Es gibt zahlreiche Beschreibungen über den unheimlichen Nebel an der Brücke. Eine findet sich bei Vladimir Pozner in Die Nebel von San Francisco:

"Ich hörte einen Pfeifton und blickte mich suchend um. Die Golden-Gate-Brücke war verschwunden. Vom Pazifik kommend, verhüllte der Nebel die Bucht. Auf dem linken Ufer erloschen die Städet, die letzten Lichter blinkten, bevor sie, wie zuvor schon die Sterne, verschwanden. (...) Der Nebel hatte sich gehoben, und vor dem Hintergrund eines Sternenhimmels sah ich die Brücke zum Vorschein kommen, mächtiger und heller als die Milchstrasse. Die Sirenen waren verstummt."

(:blogentryend:)

(:blogentry title="nebelbeobachtungen" time="2007-01-02 15:06":)

Raumverkürzung durch Nebel. Beobachtung im Schneeregen, Tauwetter Anfang Januar in den Dolomiten. Nebelschwaden im starken Wind deformieren den Raum, sie sind filmisch und machen die Zeit sichtbar. Vor einigen Stunden noch grandioser Blick auf den Monte Telegrafo in leuchtenden Farben, jetzt ist nach 20 Metern Schluss, graue Suppe, minimales Blau scheint durch eine dünne Decke. James Turell als Randnotiz.

Erinnerung an ein Nebelerlebnis vor Jahren am Meer im Ravenna, ebenfalls im Januar. Dichter nebbia beengte den Raum, eine graue Suppe in der regungslosen und feuchten Luft. Komplementär dazu die akustische Weite der Wellen.

Dem ganz ähnlich der Nebel in Lüderitzbucht. Am Morgen undurchdringbar, alles steht. Kurz vor Mittag plötzliche Bewegung, heisse Luft steigt über der Namibwüste nach oben und zieht den Nebel, gleich einem Vorhang, weg. Aus dem nordischen Bühnenbild mit Jugendstilarchitektur entsteht augenblicklich eine Wüstenlandschaft in afrikanischem Licht.

Andere Nebelbeobachtungen. Zum Beispiel die von Deep Purple, 30 Jahre nach Pearl Harbour brennt am 07. Dezember 1971 das Casino von Montreux nieder und über den Genfer See zieht Rauchnebel. Das Ergebnis ist bekannt:

We all came out to montreux
On the lake geneva shoreline
To make records with a mobile
We didnt have much time
Frank zappa and the mothers
Were at the best place around
But some stupid with a flare gun
Burned the place to the ground
Smoke on the water, fire in the sky

Nach weiteren 30 Jahren entsteht in der Schweiz zur Expo 02 mit dem Blur Building der New Yorker Architekten Diller+Scofidio erneut Smoke on the Water, diesmal am See in Neuchatel. Die Besucher zahlen Eintritt für ein kurzes Eintauchen in die künstliche Nebelwolke. Reizreduzierung, kurzes Ausblenden der Umgebung, Dislokation. Die amorphe Wolke wird über ein festes Grundgerüst installiert, gestaltet sich an ihren Rändern je nach Wind fraktal und immer wieder neu aufgelöst. Unberechenbar. Vielleicht unbewusst eine rauminstallative Antwort auf 9/11, dessen neue Unwirklichkeit Georg Seeßlen als audiovisuellen Bildernebel klassifiziert.

Nebel ist also kein rein visuelles Phänomen. Davon abgesehen, dass man technisch gesehen ein akustisches Rauschen als eine Art von Nebel bezeichnen könnte, hat auch eine Stadt im Frühnebel oder eine Landschaft mit Nebelschwaden einen besonderen Klang. Nebelwolken kühlen Gedanken und waren gleichzeitig immer Werkzeug der Imagination. Der Nebel ist aber auch Metapher, seine Un-Berechenbarkeit kann als Beschreibung der Irrationalität des menschlichen Bewusstseins gesehen werden. Die Weissagungen der Hexen bei Macbeth, die Beschreibungen von Goethe oder E.H. Gombrich über Wolkengestalten machen das deutlich.

Screenshot aus der Macbethverfilmung von Orson Welles, 1948

"Fair is foul, and foul is fair: Hover through the fog and filthy air." Akt 1, Szene 1

Auch die Sichtweise der Kybernetik auf die Wolke ist sehr respektvoll, Nobert Wiener notiert angesichts des Kinderverses

Weißt du, wieviel Wolken gehen
Weithin über alle Welt
"Wenn wir andererseits von einem Meteorologen verlangen, uns eine ähnliche Durchmusterung der Wolken zu geben, würde er uns ins Gesicht lachen oder nachsichtig erklären, das es in der gesamten Sprache der Metereologie keinen Gegenstand wie eine Wolke gibt, definiert als ein Objekt mit einer quasipermanenten Identität, und wenn es sie gäbe, er weder die Fähigkeit besäße noch tatsächlich daran interessiert wäre, sie zu zählen. Ein topografisch veranlagter Metereologe würde eine Wolke vielleicht als einen Raum definieren, in dem der Wasseranteil in festem oder flüssigem Zustand einen gewissen Betrag überschreitet. Diese Definition hätte jedoch nicht den geringsten Wert für irgend jemand und würde höchstens einen äusserst vergänglichen Zustand darstellen. Was den Metereologen wirklich angeht, das sind statistische Feststellungen wie: Boston, 17. Jan. 1950, Himmel zu 38% bedeckt, Cirrocumulus."

(:blogentryend:)

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