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FobconceptMax Bense - Ein Leben zwischen Raster- und NebelkörperDie Fäden zwischen Kopf und Körper sind abgenutzt, doch noch nicht zerissen.
Nur das Bewußtsein ist ein diskreter Zustand.
Max Bense in Existenzmitteilung aus San Franzisko, 1970
Der Kybernetiker Max Bense erlebt im Alter von 60 Jahren den Einbruch des Irrationalen am eigenen Leib. Während eines viertägigen Aufenthalts in San Francisco im August 1969 verpasst er den Bus in Sausalito. Bense geht zu Fuß über die Golden Gate Bridge zurück in die Stadt und dabei kommt dem Physiker ein hochkomplexes Partikelsystem in die Quere. Das Hereinbrechen einer Nebelwand vom Pazifik lässt die Temperatur augenblicklich um 15° C sinken, was bei Bense in der darauf folgenden Nacht eine heftige Nierenkolik auslöst. Der Fog verschlägt dem Wort- und Gestengenerator (5) die Sprache. Erste Artikulationsversuche und eine Verarbeitung des Erlebnisses findet sich in dem Text Existenzmitteilung aus San Franzisko. Dieser erscheint 1970 in einer Auflage von 100 Exemplaren als bibliophile Publikation mit Originalgrafiken der Künstlerin Helgart Rothe. Der prätentiöse Text kann als testamentarische Schlussbemerkung verstanden werden, an manchen Stellen erstaunlich offen und selbstkritisch. Als offensiver Vertreter der Moderne beschäftigte sich Max Bense seit den 1940er Jahren intensiv mit der Berechenbarkeit der Welt. Seine Vision war die Etablierung einer neuen Ästhetik als exakte und experimentelle Wissenschaft. Die metadisziplinäre Analyse von Prozessen der Steuerung, Regelung und Rückkoppelung galt als Weg zur Überwindung des Bruchs zwischen den “zwei Kulturen” von Technik und Naturwissenschaft einerseits, Kunst und Geisteswissenschaft andererseits. (3) In Weiterführung der Leibnitzschen "Mathesis Universalis" geht Bense von einer kategorialen Einheit ästhetischer und mathematischer Formen aus, wie viele seiner Zeitgenossen in Kunst und Architektur. Fasziniert von den Möglichkeiten diskreter, digitaler Modelle und den frühen Elektronikgehirnen experimentiert er auf dem Feld des Kreativen. In Fortführung der Birkhoffschen Formel, die den ästhetischen Wert als Quotienten aus Ordnung und Komplexität berechnet, entwickelt er in den 50er Jahren das Format der Konkreten Poesie und beschäftigt sich mit der Theorie der Malerei. Aus der Position des existentiellen Rationalismus heraus versucht Bense den Shannonschen Informationsbegriff auf gestalterische Vorgänge anzuwenden und etabliert hierfür den Begriff der Informationsästhetik. Die Qualität von Kunstwerken, so Bense, liegt aufgrund ihrer inneren Ordnungsbeziehungen irgendwo auf der Skala zwischen Banalität und Chaos und ist damit kalkulierbar. Coastal fog reaching into the Bay will burn off by late morning,
then clear skies late afternoon fog rolls in again.
Typische Wettervorhersage in San Francisco
Das Scheitern dieses Ansatzes war bereits absehbar, als der Philosoph im Summer of Love über die Brücke ging. Nur wenige Monate darauf kam es im Februar 1970 in einem hitzigen TV-Streitgespräch mit Joseph Beuys zur Konfrontation mit der Postmoderne. Max Bense will das anthroposophische Menschenbild von Beuys gestisch auf einen numerischen Schieberegler herunterbrechen, was ihm nicht gelingt. In diesem faszinierenden Showdown zieht Bense rückblickend nach Punkten klar den kürzeren. Die umfassenden Rückkopplungskonzepte der Kybernetik, die Mitte der 1970er Jahre ihr vorläufiges Ende fanden, werden durch die massenhafte Verbreitung digitaler Technologien zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder aktuell. Nicht ganz so wie vorhergesehen, denn Im Zeitalter von Ubiquitous Computing und Pervasive Internet sind Computer nicht länger nur informationelle Maschinen. Vielmehr durchdringen Funksignale und vernetzte Technikapparate im Miniaturformat den realen Raum. Der Alltag der Menschen und ihre Lebenswelten werden mit dynamischen Rechnerdaten überzogen, globalisierte Entgrenzungsprozesse und die Omnipräsenz des Digitalen führen zu einer Vereinheitlichung von Orten und Räumen. Auch im Bereich von Kunst und Gestaltung gewinnen rückgekoppelte Prozesse wieder an Faszination. Softwareanwendungen wie processing.org und M/M/J, Linkportale wie dataisnature.com, Lifestylemagazine wie de:bug und Produkte wie DreamRecorder suggerieren aufs Neue eine Analogie von mathematischen und ästhetischen Strukturen, propagieren die gegenseitige Bedingung von Code und Design, von Algorithmen und Gestalt. Ansätze der Kybernetik aus den 1950er Jahren sind wieder in der Diskussion, wie zahlreiche Publikationen und Tagungen im Bereich elektronischer Medien zeigen. Der Ort, an dem diese Modelle und die dazugehörige Software seit Jahrzehnten in unvergleichbarer Geschwindigkeit entwickelt werden, ist San Francisco. Und auch Max Bense macht an diesem Ort gleich zweimal Halt - zunächst fiktiv und dann real. Denn mit dem Brückengang findet hier nicht nur die kreative Schaffensperiode ihr Ende, der Ort war auch der Auftakt der technologischen Utopien des Kybernetikers. Der junge Physiker Bense arbeitet ab Januar 1942 im Labor für Hochfrequenztechnik und Ultraschall von Dr. Hollmann in Berlin-Lichterfelde. Dort spekuliert er im Kontext nachrichtentechnischer Forschung zur Übertragung von Bild und Ton über die Möglichkeit, demnächst den menschlichen Körper von Deutschland nach Kalifornien zu rastern. Dieser Rasterkörper könne dann in San Francisco spazierengehen (6) und wahrscheinlich mehr als das, schliesslich befand man sich im Krieg. Hans Erich Hollmann kam dann auf ganz natürlichem Wege dorthin, er wurde 1947 von der NASA als Radarforscher nach Kalifornien abgeworben. Von dort schickte er Bense zwei Jahre später die 6. Auflage von Norbert Wieners "Cybernetics or control and communication in the animal and the machine". Das Projekt fogpatch beleuchtet San Francisco als biografische Klammer im Leben von Max Bense. Literatur1 Bense, Max (1970): Existenzmitteilung aus San Franzisko. Köln |