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Cairotaxi

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ROUNDABOUT CAIRO

Das Taxi als Beziehungsorgan im Kreisverkehr der Zyklomoderne. Konzeptskizze für ein künstlerisches Forschungsprojekt von Daniel Fetzner in Zusammenarbeit mit Bernd Dudzik

"A cigarette in one hand, and the other reaching frequently for a cup of steaming tea or his cellphone, the 42-year-old Mustafa Noureddin steers his battered Peugeot taxi through Cairo's chaotic streets. "Driving in Cairo is a lot like playing Atari. Here, you dodge cars, pedestrians, donkey carts, buses. You try to make it to the end without hitting someone or getting hit."
San Francisco Chronicle, 03. Mai 2009

ROUNDABOUT CAIRO untersucht das zwischenleibliche Gedächtnis von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren am Beispiel eines Kreisverkehrs in der Metropole am Nil. Die intermediale Verflechtung von Mensch, Medium und Megalopolis wird mit mehreren Videokameras im Slitscanverfahren aufgezeichnet. Eine Medieninstallation rekonstruiert das Körpergedächtnis von TaxifahrerInnen und reflektiert den intuitiven Gebrauch von deren automobilen Werkzeugen in Form von begleitenden Interviews.*

Ort der Untersuchung ist ein Kreisverkehr im Zentrum Kairos, der als transitorischer Raum lineare Wege in die zyklische Rotation der Schleife und zurück in die Linearität führt. Dem Fluß von kreisenden, sowie von ein- und ausströmenden Blechkarossen scheint eine immanente Choreographie zugrunde zu liegen. Die schwindelnde Topologie des Roundabouts stellt aus der mobilen Raumperspektive die Frage nach den Rückwirkungen der Technik auf die Körper und das Bewusstsein der teilnehmenden Akteure.

Das Projekt ist Teil des Seminars Media Interventions an der German University in Cairo

Elgalaa Square in Gizeh

Mit der massiven Industrialisierung und Urbanisierung der Stadt Kairo und dem starken Bevölkerungswachstum begann in den 1950er Jahren auch die Zahl der Autos sprunghaft anzusteigen. Die Einführung der Minibusse Anfang der 80er Jahre verschärfte die Situation noch weiter. Heute werden täglich 1,5 Millionen Menschen in 30.000 Microbuses durch die Megacity mit ihren nahezu 20 Millionen Einwohnern transportiert. Die Satellitenstädte am Rand der Wüste, ursprünglich zur Entlastung der Innenstadt geplant, verschärfen durch die hohe Zahl der Pendler das Problem weiter. Mit 160 Verkehrstoten im Jahr auf 100.000 Fahrzeuge hält Ägypten neben dem Iran einen trauigen Rekord, das Verkehrssystem steht seit Jahrzehnten vor dem Kollaps. Wie ein allgegenwärtiger Teppich liegt ein zum Teil ohrenbetäubender Straßenlärm über Kairo und obwohl der Gebrauch von Hupen offiziell unter Strafe steht, prägen diese das Klangbild der Stadt. Nur freitagmorgens wandelt sich die Soundscape, der Verkehr kommt zur Ruhe und die Rufe der Muezzins treten an dessen Stelle.

Zu allen Tageszeiten präsent sind die zahllosen Taxen in der Stadt. Über 50.000 klapprige Blechkisten, meist französischer Herkunft aus den 1970er Jahren, streifen unentwegt durch das feinadrige Urbanmonster am Nil. Durch ein Investitionsprogramm der ägyptischen Regierung werden die Fahrzeuge durch schadstoffarme und gesichtslose koreanische Marken ersetzt. Die alten Peugeots und Renaults werden innerhalb von Afrika weiterverkauft und verschwinden allmählich aus dem Straßenbild.

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VERSUCHSANORDNUNG

ROUNDABOUT CAIRO spielt am El Galaa Square, einem zentralen Kreisverkehr direkt am Nilufer im Stadtteil Dokki. Untersuchungsgegenstand ist das zwischenleibliche Gedächtnis von Menschen in Fahrzeugen, das sich an dem Verkehrsknotenpunkt ausbildet. Die Selbstwahrnehmung der Akteure im Taxi wird nach den Erscheinungsformen des prozeduralen, situativen, zwischenleiblichen, inkorporativen und des traumatischen Leibgedächtnisses (Fuchs 2009) untersucht. Besonderes Augenmerk kommt dabei den Körpermikropraktiken (Dowing 2004) des zwischenleiblichen Gedächtnisses von Mensch, Auto und Umwelt zu.

Dem Prinzip der Feedbackschleife wird eine reale Rotation gegenübergestellt, die deutlich sinnlicher ist und zu realem Schwindel und einer dissoziierten Körpererfahrung führt. Fahrgast ist eine Tänzerin, die im Laderaum eines Peugeots 504 kinästhetische Momente auslotet, dabei vor allem mit bzw. gegen die Zentrifugalkraft, mit und gegen den Schwindel arbeitet. Ein "zyklotechnischer Organismus in der anthropokinetischen Situation einer Beschleunigung" wie die Turning Figure von Francis Bacon (Demut 2010, S. 82). Sie telefoniert per PhoneClip mit einem Freund, der zur selben Zeit in gleicher Situation in einem anderen Taxi um den Midan Gaala rotiert. Die Spuren der Taxen werden per GPS aufgezeichnet und finden grafische Verwendung in der Rekonstruktion.

Die beiden Taxifahrer berichten im Interview. Sie kennen den Milan Gala aus mehrjähriger Erfahrung, haben ihn mit ihrem Fahrzeug mehrfach "überschrieben" und generieren somit einen parallelen (Erzähl)-Raum. Das komplexe Geflecht von Perzeptionen und Interaktionen menschlicher und nicht-menschlicher Akteure wird zu diesem Zweck mehrdimensional durchleuchtet:

1. DIMENSION DER LEIBLICHKEIT

Bei dem Prozess des Fahrens kommt es zur Verschmelzung von Fahrer und Gerät, von Mensch und Medium. Der Kybernetiker Max Bense bezeichnet in einem Aufsatz das Auto als eine "transklassische Maschine", das Information verarbeitet und Kommunikation erzeugt. Im Übergang vom Technik-Haben zum Technik-Sein "greift das Auto in die Seinsweise des Menschen selbst ein" und es entsteht eine neue Art des Existierens: "Die bewußtseinsanaloge Maschine, das ichanaloge Auto, ein vollkommenes Mensch-Maschine-Team, eine existentielle Partnerschaft zwischen Störungen und Ängsten, zwischen maschinellen Aktionen und menschlichen Reaktionen, zwischen Signalen und Impulsen, zwischen Geräuschen und Entschlüssen“ (Bense 1970). Das Technische ist nicht mehr nur auf den instrumentellen Umgang mit Werkzeugen reduziert, sondern bestimmt grundlegend die Seinsverhältnisse. Ganz im Sinne von Arnold Gehlens Sichtweise auf die Technik als Organverstärkung kann die Technikphilosophie Benses als Vorgriff auf die Akteur-Netzwerk Theorie verstanden werden. Die Interaktion zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren wird radikal neu ausgehandelt. Das prozedurale Gedächtnis als Teil des Leibgedächtnisses aktualisiert sich während des Fahrens als ständiger Prozeß, der Leib und die Sinne selbst "werden zum Medium" (Fuchs 2009). Der Kulturwissenschaftler Thomas Alkemeyer (Alkemeyer 2004) beschreibt diesen Vorgang am Beispiel des Autofahrens:

"Fahrzeuge, die vom Menschen selbst gelenkt werden, (...) gehen im praktischen Gebrauch eine Verbindung mit dem Fahrzeuglenker ein. Praktische Prozesse der Technisierung und Habitualisierung der Bewegung, des Sich-Einrichtens und Vertrautwerdens mit dem Fahrzeug, des Erwerbs der Fähigkeit zu prinzipieller und aktueller Beherrschung, führen dazu, dass das Fahrzeug sowohl in technischer wie auch in stilistischer Hinsicht zu einem Teil der Person wird. Es dehnt die Person in beiden Dimensionen über ihre Grenzen hinaus aus, indem es nicht nur ihre physischen Möglichkeiten erweitert, sondern auch zu einem Teil eines überpersönlichen Lebensführungsstils wird, der den Anschluss an Gruppen von Gleichgesinnten gewährt. Auto und Motorrad erweitern die organischen Möglichkeiten des Menschen."

2. DIMENSION DES KOMMUNIKATIVEN

"Beim Autofahren muss man fortwährend fremde Texte übersetzen, fremde Welten, Stile, Manieren und Marotten antizipieren. Denn das heißt es ja: mit den Fehlern der anderen kalkulieren. Darin kulminiert der Adel automobiler Intelligenz."
Jürgen Habermaas, 1954

Der pulsierende Rhythmus des Strassenverkehrs in Kairo mit Autos, Bussen, Eselfuhrwerken und Fußgängern erinnert an das Schwarmverhalten aus der Tierwelt. Jede Lücke wird genutzt, die Fahrzeuge fahren auch mit hohen Geschwindigkeiten auf Tuchfühlung und so gibt es kaum Autos ohne Blechschäden. Der Verkehr in der Stadt, häufig als chaotisch beschrieben, ist bei genauer Betrachtung ein hochkomplexer, massenkommunikativer Akt auf mehreren Ebenen. Das System funktioniert ohne Ampeln und Vorfahrtsregeln, viel wird situativ nach dem Shared Space Prinzip ausgehandelt. Zum besseren Verständnis dieser Kommunikation soll das zwischenleibliche Gedächtnis der Akteure untersucht werden, das sicher auch geschlechtsspezifische Merkmale aufweist. Vor kurzem wurde das erste weibliche Taxiunternehmen in Kairo gegründet (El-Gawhari 2010), das die Möglichkeit einer vergleichenden Betrachtung bietet.

Das Auto dient nicht nur als Fortbewegungsmittel des Menschen, es ist noch in Ägypten noch stärker als in europäischen Kulturen ein sozialer Akteur und ein Kommunikationsmedium im städtischen Raum. Im Fortführung der Sichtweise von Deleuze/Guattari, daß "die Beziehung zwischen Mensch und Maschine auf wechselseitiger, innerer Kommunikation, und nicht mehr auf Benutzung oder Tätigkeit" (Deleuze/Guattari 1980) beruht, geht dieser Projektansatz von einer gegenseitigen Bedingung von Wahrnehmung und Handlung aus (Noe 2006).

Der Kommunikationsraum auf den Straßen entsteht durch die Handlung des Fahrens, die diesen zugleich wieder prägt. In dieser sozialen und körperlichen Interaktion fungiert das Fahrzeug als technisches Medium zur Welt. Es vermittelt zwischen sinnlicher Erfahrung, propriozeptiver Handlung und Umwelt. Komplexe biologische, physische und soziale Kommunikationsvorgänge werden in dem Kleinsystem des Kreisverkehrs im Zustand der permanenten Drehung untersucht. Aus der soziokybernetischen Perspektive stellt sich die kritische Frage, ob nicht Fahrzeuge mit "fleischloser Hülle zum bestmöglichen Leiter der gesellschafltichen Kommunikation, zum Ort von unendlicher Rückkopplung" werden sollten, "um reibungslos vonstatten zu gehen" (Tiquun 2007).

3. DIMENSION DER VERORTUNG

Das Taxi ist stärker noch als ein gewöhnliches Auto ein Non-Lieu, ein Raum ohne Ort (Augé 1994). Das Gefährt selbst wird zum Medium und Kommunikationsinstrument, zum Vermittler von Ich und Welt. Autofahren in Kairo geschieht bei offenem Fenster mit Hupen, Rufen Handzeichen, Blickkontakten, also Ganzkörpereinsatz. Als technische Haut, als mobiles Verflechtungsinstrument und auch als soziale Interaktionsumgebung generiert es hybride Raumerfahrungen. Es ist auch ein translokaler Grenzraum zwischen lokalen und globalen Strukturen schon in der Hinsicht, als die meisten Autos aus asiatischer Produktion stammen, aufgrund der besonderen Importbestimmungen in Ägypten aber im Land montiert werden müssen. Klimaanlage, Autoradio und GPS dislozieren den Innenraum vom staubigen, heissen, schmutzigen draußen der Megalopole Kairo.

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Ein Werbespot von Mercedes Benz aus den späten 90er Jahren beschreibt die Heterotopie des mobilen Bunkers

Dies führt zu einer Exklusion und Inklusion von Raum, von privat und öffentlich, von offen und geschlossen. Markus Schroer (2006) beschreibt das Auto in steigendem Maße als "eine nach außen hin abgeschlossene, innen zunehmend luxuriös ausgestattete Box, die immer seltener verlassen werden muss. Das Auto umschliesst den Einzelnen wie eine Hülle, die vor ungewollten Berührung mit der Umgebung schützt, und wird somit zu einer Art mobilem Bunker."

4. DIMENSION DER ROTATION

"Wenn die Hypochondrie ein Geplagtsein vom Stoffwechsel und von der Funktionalität der Primärorgane ist, könnte man den modernen Menschen, den Kybernetiker, gewissermaßen als einen zerebralen Hypochonder bezeichnen, der von der absoluten Zirkulation der Datenstoffe geplagt wird".
Jean Baudrillard

Neben der konkret physischen Rotation im Kreisverkehr kommt einem solchen Ort auch eine metaphorische Bedeutung zu. Er verkörpert ein zyklisches Zeitmodell, das Fahrzeuge nicht kausal und temporal ordnet, sondern diese sich-im-Kreise-drehen lässt. Der Neurowissenschaftler Wolf Singer betont die Bedeutung der Gleichzeitigkeit im Hinblick auf das Gedächtnis, dessen "erinnerte Sachverhalte tatsächlich auf Rekonstruktionen von Beziehungen zwischen assoziativen und voneinander getrennten Gedächtnispuren beruhen". Das Gehirn ist ein "neuronaler Assoziationsspeicher" und das Bewusstsein konstituiert sich Augenblick für Augenblick neu. "Es existiert ausschließlich in der Gegenwart" (Singer 2000). Durch die Wieder-holung im Akt des Erinnerns drehen sich Gedanken oder Tätigkeiten aber nicht Kreis, sondern überformen und verändern die dazugehörigen Engramme immer wieder aufs neue. Der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit: "Die Vergangenheit hinten, die Zukunft vorn, die Gegenwart jetzt, eine Konstruktion, die für alle etwas versierten Leute unsinnig ist; für die meisten Künstler liegen alle Zeiten gleichzeitig vor. Es kommt darauf an, in welche Beziehung wir uns dazu setzen" (Theweleit 2010).

Volker Demuth schlägt eine rotierende Beziehung vor und leitet aus seinen Beobachtungen gleich ein neues Kulturmodell ab. Er beschreibt das allumfassende Projekt der Digitalisierung in der "Zyklomoderne" als eine "Verdichtung der Erlebnis- und Handlungsschleifen". '"Die Moderne ist in die Phase ihrer rotierenden Reproduzierbarkeit und Rekombinierbarkeit eingetreten. Sie ist dadurch zur Zyklomoderne geworden. Was heißt, als Medien- und damit als Weltnutzer holt man nicht etwas äußeres heran, sondern man steigt in eine Umgebung, einen reiz-vollen Umkreis ein. Dies führt zu einer völlig veränderten Wahrnehmungs- und Handlungschoreografie, bei der sich das Bewußtsein an sinnlich-elektronische Schaltkriese anschließt. Besonders beispielhaft dafür sind Computer- und Videogames, die man als neuronale und cerebrale Tänze in Mensch-Maschine-Schleifen ansehen muss.''" (Demuth, 2010).

Der Kreisverkehr am Midan Galaa steht für einen solchen Ort der drehenden Dynamik, er steht für das Einfädeln aus der Linearität in die Rotation, den Schwindel und die Option des Ausstiegs. Die Fahrzeuge können als Akteuere gesehen werden, die sich permanent rotierend in Beziehung setzen. Sie formieren einen transitorischen Raum der Verunsicherung, der Verwirrung und Gefahr und gleichzeitig der Konzentration, der Entscheidung und der Neuausrichtung.

 * Ausstellung vom 21.01. bis 28.02. 2011 im Rahmen der Ausstellung "Cross Gaze Cairo" im T66 kulturwerk Freiburg

Literatur

Alkemeyer, T. (2004): Vom Glück leibnaher Technik. Tutzing
Augé, M. (1994): Orte und Nicht-Orte. Frankfurt
Baudriallard, J. (1974): Das System der Dinge. Frankfurt
Bense, M. (1970): Das Ich, das Auto und die Technik. Köln
Deleuze,G. und Guattari, F. (1980): Mille Plateaux. Berlin
Demuth, V. (2010): Zyklomoderne. Wien
Dowing, G. (2004): Emotion, body and parent-infant interaction. Oxford
El-Gawhari, K. (2010): Das Wunder hinter dem Lenkrad. TAZ vom 07.06.2010
Fuchs, T. (2009): Leibgedächtnis und Lebensgeschichte. Heidelberg
Habermas, J. (1954): Der Mensch am Lenkrad. F.A.Z. vom 27.11.1954
Holl, U. (2002): Kino, Trance, Kybernetik. Berlin
Noë, A. (2006): Action in Perception. Boston
Singer, W. (2000): Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen. Aachen
Theweleit, K. (2010): Vergessen wir nicht - die Psychoanalyse. Freiburg
Tiqun (2007): Kybernetik und Revolte. Zürich

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